1995 THE POLITICS OF ETHNIC AUTHENTICITY

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(Text aus der linken Publikation 17°C – Zeitschrift für den Rest, die in den 1990er Jahren in Hamburg erschienen ist)

Zeitschrift für den Rest
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17°C – Nr.10/1995
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THE POLITICS OF ETHNIC AUTHENTICITY

What’s the Time? Nation Time!

Wenn in Deutschland aufgewachsene junge Leute, deren Eltern als Wanderarbeiter aus der Türkei in dieses Land kamen, sich für US-AMERIKANISCHE POP-MUSIK begeistern und in Nürnberg eine HipHop-Gruppe gründen, dann sind sich fast alle sicher, es mit „türkischen Rappern“ zu tun zu haben. Nicht weil die Band vieleicht auch in türkischer Sprache rappt – Nürnberger, die Englisch rappen, werden schließlich auch nicht als „englische Rapper“ bezeichnet – , sondern allein deshalb, weil der DEUTSCHE STAAT sie als NICHTZUGEHÖRIGE definiert hat. Deutsche Jungfaschisten verstehen sich als konsequente Vollstrecker dieser VÖLKISCHEN Politik, wenn sie mit mörderischen Anschlägen die Individuen dazu zwingen wollen, sich eindeutig „ethnisch“ zu verorten.

Wenn sich nun einige der auf diese Weise Ausgegrenzten selbst in einer nationalistischen Rhetorik gefallen und behaupten, nur so könnten sie ihre Würde bewahren, dann können sie mit dem mitfühlenden Verständnis vieler deutscher Gutmenschen rechnen. Die finden es nämlich vollkommen „natürlich“, daß das Individuum ohne ein bißchen Identität in einer Welt der Identitäten ziemlich arm ausschaut. Was liegt also näher, als allen, denen eine deutsche Identität nicht gegönnt wird, zu empfehlen, sich doch eine andere zu besorgen? Zum Beispiel eine türkische! Auch so kann man seinen Frieden mit der offiziellen völkischen Politik machen.

Dabei ist nichts unlogischer als die Behauptung, Nationalismus sei eine „verständliche Reaktion“ auf deutsche Verfolgung. Wieso sollten Menschen, die soeben den Folgen eines nationalen Identitätswahns am eigenen Leib spüren, auf die Idee verfallen, ihrerseits mit Nationalismus zu „reagieren“? Wäre nicht statt dessen zu erwarten, daß sie sich entsetzt von allen Identitätskonzepten, insbesondere von den rechtsradikalen Varianten distanzieren? Gönnerhaftes Verständnis für nationalistische Töne bei Marginalisierten ist also nicht nur nicht angebracht – es ist sogar die Form, in der sich die Gönner ihren eigenen Nationalismus bestätigen lassen.

Der folgende Text ist eine Kritik am „phantastischen“ Nationalismus der Nürnberger Rap-Gruppe Karakan. „Phantastisch“ nennen wir ihn, weil der Blick dieser Gruppe auf die Türkei dem der Rastas auf Äthiopien nicht unähnlich ist. Das ändert nichts daran, daß sich ihre nationalistischen Sprüche, die sogar mit einer Verharmlosung der Grauen Wölfe einhergehen, in den weltweiten Ethno-Diskurs (an dem auch HipHop immer schon beteiligt ist) bestens einfügen, erinnert aber daran, daß es sich um Positionen von Leuten handelt, die das Land ihrer nationalistischen Hoffnungen nur als Urlaubsland kennen. Verantwortlich für ihre Positionen sind sie so oder so. Die Vorstellung, ihr Nationalismus erkläre sich aus ihrer „Lage“, unterstellt ihnen eine ernsthafte Bewußtseinstrübung, ein kontinuierliches An-Sich-Sein, das ohne Lücke bis ins Bewußtsein reicht. Überhaupt sollten Linke die Verhältnisse nicht mit den Verhältnissen begründen.

Up Tight (die Vorgeschichte)

Am 28./29. Oktober 1994 fand in der DESI, einem seit fünfzehn Jahren in Nürnberg bestehenden Kulturzentrum mit linkem Selbstverständnis ein HipHop-Wochenende statt. Am ersten Abend gab es einen Vortrag zur Geschichte des Rap in den USA und seiner Rezeption in der BRD und anschließend eine HipHop-Party (beides von/mit Günther Jacob). Am zweiten Abend traten u.a. eine lokale Street Dance-Gruppe sowie die Nürnberger HipHop-Grupppe Karakan auf, die in türkischer Sprache rappt. Als Karakan (über die schon am Vorabend kontrovers diskutiert wurde) auf die Bühne kam, machte die Mehrzahl der zu diesem Zeitpunkt anwesenden Jugendlichen ein Handzeichen, das einem Wolfskopf darstellt – das Symbol der „Grauen Wölfe“. Zudem wurde „Boskurt“ („Graue Wölfe“) gerufen.

Seit etwa zwei Jahren treffen sich in dem Zentrum viele sehr junge HipHop-Fans, die dort ihre Musik hören oder neue Break Dance-Stile einüben. Die Eltern (in einigen Fällen bereits die Großeltern) vieler der überwiegend männlichen Jugendlichen kamen als „Gastarbeiter“ nach Deutschland – vorwiegend aus der Türkei, aber auch aus anderen Staaten. Diese HipHop-Szene ist betont apolitische und wenn überhaupt politische Kommentare abgegeben werden, dann als lapidar dahingeworfene „Meinung“. Das galt bisher auch für vereinzelte zustimmende Äußerungen über türkische Faschisten. Die Ereignisse während des Karakan-Konzertes zeugen nun von einer offensiveren Artikulation rechtsnationalistischer Einstellungen.

Einige Leute vom Nürnberger Radio Z, die an der Organisation des HipHop-Weekenders beteiligt waren, haben zu diesen Vorfällen im Rahmen des Magazins „V-Effekt“ am 1. November 1994 eine Diskussion organisiert. Radio Z ist einer der wenigen (und nach Radio Dreyeckland in Freiburg mit acht Jahren auch der zweitälteste) freien Lokalsender in der BRD. „V-Effekt – das kulturbolschewistische Monatsmagazin“ geht jeden ersten Dienstag im Monat von 21.00 bis 24.00 Uhr auf Sendung. Die Moderatoren des folgenden Beitrages waren Hartmut Konopka („Moderator 1“) und Kay Osterloh („Moderator 2“). Das Gespräch mit der Rap-Gruppe Karakan wurde live geführt, die anderen Statements wurden vorher aufgezeichnet oder via Telefon eingespielt. (Die von der Redaktion in den Text eingeschobenen Anmerkungen steuerte Safo aus Hamburg nachträglich bei.)

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HOME INVASION (featuring Karakan)
oder: „Warum dürfen das die Türken nicht?“
Protokoll einer Radiodiskussion.

(Einleitende Ansage des Moderators – MOD 1:)
„Karakan“ zu deutsch „Schwarzes Blut“ nennt sich eine Nürnberger Gruppe, die in türkischer Sprache rappt. Karakan sind zur Zeit heftig umstritten. Was ihnen vorgeworfen wird und was Karakan selbst dazu meinen dazu der folgende Beitrag. Zu Wort kommen: jugendliche Rap Fans aus der DESI, das Berliner Magazin „Die Beute“, Günther Jacob, Musikjournalist aus Hamburg und Karakan selbst, von denen Achmed und Alper live im Studio sind. Das Ganze ist auch ein Nachtrag zu den HipHop Tagen am vergangenen Wochenende.

(Musik)

Rap Music and the Making of Essentialism

(Fragen an Besucher (=B) aus dem Kulturzentrum:)

MOD 1: Welche der auch in türkisch rappenden Gruppen gefallen dir am besten?

B 1 : Mir gefällt am besten Karajan.

B 2 : Karakan, und von denen, die ich richtig kenne: MIC Force, Islamic Force, allerdings habe ich die noch nicht Türkisch rappen hören.

MOD 1: Welches Stück von Karakan mögt ihr am meisten?
B 3 : „Devol Dazlak“.
B (alle durcheinander): Fast alle. Alle.
B 3 : Am besten ist aber „Devol Dazlak“
(alle rappen zusammen „Devol Dazlak“ von Karakan.)

B 2 : Übersetzt klingt das vielleicht komisch, aber aus unserer Sicht ist das hammermäßig. Das gefällt uns einfach!
MOD 1: Übersetz’ das mal!

B 2 : „Verpiß dich, du Nazi! Ich will dich nicht mehr sehen! Ich mag auch nicht eure Leute!“ Also Nazis.
(Anm. Safo: Der Satz „Devol dazlak gözüm görmesin seni, sevmem zaten senin milletini“ bedeutet: Hau ab, Skin, damit meine Augen dich nicht sehen. Ich mag dein VOLK sowieso nicht.)

MOD 1 (live im Studio):
Karakan, türkisch rappender Ableger der Nürnberger Rap Family „Kingsize Terror“, steht in der Kritik. Neben Jugendlichen, die sich für Karakan und ihre Aussagen begeistern, gibt es auch solche, die Karakan als Nationalisten ablehnen. In einem Teil der linken Szene wurde die Kritik an Karakan über einen kurzen Beitrag von Imran Ayata in „Die Beute“ (Heft 2), ein Magazin aus Berlin, bekannt. Der Autor des Artikels, wirft Karakan Nationalstolz, Geschichtsklitterung und Männlichkeitswahn vor. Er machte sich die Mühe, Karakans Texte aus dem Türkischen zu übersetzen. Hier ein paar Auszüge:

MOD 2:
Unterwerfe dich nicht, bewahre dein Türkentum!“/ „Glatze, glaube nicht, daß wir Juden sind, wir sind Türken!“/„Wenn du aber einen Funken Männlichkeit in dir hast, dann komm allein, damit ich dir eine Axt auf deinen Aas Schädel setzen kann!“/ „Erzähl’ mir nichts vom menschlichen Zusammenleben, glaubst du etwa, das hier ist die Türkei?“/ „1993, das Leben hier ist schwer. Unsere einzige Hoffnung ist die Rückkehr in die Heimat.“

MOD 1:
Soweit einige Textübersetzungen aus Karakan Raps. Die Vorwürfe an Karakan gehen aber über eine nationalistische Verherrlichung der Türkei hinaus. Imran Ayata über Karakans Rapper AK (AK ist das Rapper-Pseudonym von Alper):

MOD 2:
„An einer anderen Stelle spricht AK dem Nürnberg Halk Ocaga, einem Verein, der dem türkischen Faschisten Türkes und seiner Partei MHP nahesteht, seinen Respekt aus und läßt sich mit einem Symbol der Faschisten, dem Ring mit drei Halbmonden, ablichten. Bei VIVA’s „Freestyle“ diente ihnen eine große türkische Fahne zur Dekoration ihres Fernsehauftritts. `Wir stehen zu unserer Fahne, das ist unsere Identität!’ antworteten sie auf die Frage, was die Fahne solle.“

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MOD 1 (zu Achmed und Alper): Sind denn die Textauszüge, die gerade zu hören waren, richtig übersetzt worden?

ALPER: Also was heißt richtig? Wortgemäß vielleicht schon, aber sinngemäß kann ich nicht soviel damit anfangen. Zumindest ist es eine ziemlich falsche Auslegung der von mir geschriebenen Texte.

ACHMED: Es wurden ja auch die krassesten Zeilen genommen. Die Leute kriegen den Anschein, daß alle Lieder von uns so sind. Wir haben soviele Stücke und es sind lediglich zwei, in denen es um das Leben als Ausländer in Deutschland geht. In anderen Stücken geht es darum, daß wir keine Knete haben, kein Auto und was weiß ich. Also mehr so Gaudi Zeug. Der Heini hat das natürlich nicht erwähnt.

MOD 1: Aber auch wenn diese Auszüge aus dem Zusammenhang gerissen sind, sprechen sie doch für sich.

ALPER: Zum Beispiel?

MOD 1: „Bewahre dein Türkentum“, zum Beispiel. Steht ihr zu einem Türkentum?

ALPER: Was heißt, wir stehen zu einem Türkentum? Das ist so eine Sache. Ich will mal ein Beispiel anführen. Wenn ich jetzt als Türke in der Türkei leben würde, wäre mir das wahrscheinlich scheißegal. Ich würde mein Leben einfach leben, mir jeden Tag mein Döner reinpfeifen und mich am Strand vergnügen. Das Ding ist aber: Wenn du als Minderheit in einem anderen Land bist, dann stehst du ganz anders zu den Dingen. Das muß aber nicht heißen, das man übertrieben nationalistisch oder furchtbar stolz drauf ist, aber man versucht, sich hier seine Identität irgendwie aufrecht zu halten, um nicht unterzugehen. Oder die letzten Reste, die man noch hat, zu wahren.
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Fatal Attraction

MOD 1: Es wird euch ja nicht nur Nationalismus vorgeworfen, sondern sogar Sympathien für die Faschisten, für die Grauen Wölfe. Bei eurem Auftritt am Samstag in der DESI haben Jugendliche „Boskurt“ skandiert, also „Graue Wölfe“, haben per Hand das Wolfsgesicht, das Zeichen der türkischen Faschisten, gezeigt. Warum distanziert ihr euch nicht davon?

ALPER: Das tun wir doch. Also ich möchte nochmal in aller Klarheit sagen, daß sich Karakan nicht nur von rechten, sondern auch von irgendwelchen anderen politischen oder religiösen Ideologien distanziert. In die Richtung haben wir überhaupt keine Ambitionen. Wir wollen einfach gute Musik machen für die türkischen Jugendlichen oder insgesamt für die Türken in Deutschland, und mit politischen Ideologien haben wir überhaupt nichts am Hut. Das wird uns bloß immer angedichtet, und wir werden halt gerne in eine faschistische oder extrem nationalistische Ecke gestellt.

MOD 1: Aber könnt ihr euch nicht auf die Bühne stellen und sagen „Wir sind gegen alle Faschisten in allen Ländern. Wir sind auch gegen die Grauen Wölfe“ ?

ACHMED: Das haben wir schon mehrmals gemacht. Ich meine, du kannst nicht vor jedem Auftritt sagen: „Übrigens. Leute…“ Ich meine, schau mal unser letztes Konzert an. Da kannst du eigentlich sagen, 100% der Jugendlichen, die da kamen, waren sowieso „Boskurt“ Anhänger. Hätten wir da sagen sollen „Hopp, haut jetzt alle ab“? Da wäre keiner mehr gewesen.

MOD 1: Aber man weiß doch, wie Leute ihre Meinung bilden. Ihr seid Vorbilder für sie und könntet sie zum Nachdenken bewegen.

ALPER: Wenn du jede Woche einen Auftritt hast oder mehrere, da kannst du dich nicht jedesmal solche Floskeln wie „Vereinigt euch gegen alle Faschisten“ loslassen. Das will kein Schwein mehr hören. Man muß versuchen, anders ihre Psychologie zu verstehen und mit originelleren Sachen vorgehen.

MOD 1: Was ist dann mit dem Vorwurf, daß du, Alper, mit faschistischen Symbolen hantierst? Zum Beispiel, daß du den „Nürnberg Halg Ocagr“ grüßt?

ALPER: Also erstens heißt das nicht „Nürnberg Halg Ocagr“, sondern „Nürnberg Türk Ocagr“.
MOD 1: Was heißt „Halg“?

ALPER: „Halg“ heißt „Volk“ und „Türk“ ist einfach türkisch. Also meines Wissens stehen die weder in einer Verbindung zu Türkes noch zur MHP, zu dieser faschistischen Partei. Das ist einfach ein kultureller Verein, der versucht, in Nürnberg auf verschiedenste Art seiner Zielgruppe was zu bieten. Die haben z.B. Folkloregruppen und veranstalten türkische Feste.

MOD 1: Und was ist mit dem Ring? Im Booklet zur letzten King Size Terror CD bist du mit einem Ring abgebildet mit den drei Halbmonden, dem Zeichen der Grauen Wölfe.

ALPER: Das ist ein Ring, der mir vom Ur-Opa vererbt wurde, der in Libyen gefallen ist, im Kampf gegen die Engländer. Das war noch im Osmanischen Reich, und die drei Halbmonde waren das Symbol des Osmanischen Reichs. Mit dem Ring verbinde ich keine politische Ideologie, er ist allein ein Gedenken an meinen Opa.

ACHMED: Du trägst jetzt dieses T Shirt mit der Aufschrift „Kill Your Idols“. Sagen wir mal, die Republikaner würden das als ihr Wappen nehmen. dann würdest du doch auch nicht sagen: „Jetzt zieh ich das T Shirt nicht mehr an.“

MOD 1: Doch, ich würde es dann nicht mehr tragen. Wenn ein Symbol von Faschisten benutzt würde, würde ich das Symbol nie benutzen.

ALPER: Das ist halt die Frage, wer zuerst da war: das Huhn oder das Ei. Das Symbol der drei Halbmonde war halt schon früher da, als es noch keine Faschisten gab. In der Türkei gibt es ja auch die fundamentalen Moslems, die Refak Partei. Die haben in ihrem Wappen z.B. einen Halbmond und ein Weizenkorn. Darf man jetzt nicht mehr mit T Shirts rumlaufen, auf denen ein Weizenkorn ist? Ist man dann gleich ein islamischer Fundamentalist?

MOD 1: Um was geht es in eurem Rap „Cehenneme Hosgeldin?“
ALPER: Das heißt „Willkommen in der Hölle“, und in dem Stück gibt es zwei Szenarios: einmal die Ansicht eines Türken, der hier in Deutschland lebt. In der zweiten Strophe geht es darum, wie jemand aus der Türkei die Verhältnisse, die eine Zeitlang hier gewütet haben, Brandanschläge usw., wie der durchschnittliche Mensch in der Türkei das beurteilt hat.

(Musik)

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Kasten 1

Die Fahne mit den drei Halbmonden war eine Kriegsflagge der Eliteeinheiten der osmanischen Armee. Die MHP benutzt diese Fahne heute als Parteisymbol. Die drei Halbmonde stehen in der Hierarchie der faschistischen Symbolik höher als das Zeichen des Grauen Wolfs. Die Weitergabe des Ringes läßt also auf die Position dieses „Ur-Opas“ schließen und ist zugleich ein gutes Beispiel für das Funktionieren von „Nationalkultur“. (Sapo)

REPRÄSENTATIONEN: Eine „nationale Kultur“ ist ein Diskurs, d.h. eine Weise, Bedeutungen zu konstruieren, die die Handlungen und Auffassungen der Bürger, die einer bestimmten StaatsMACHT unterstehen, beeinflußt und organisiert. „Nationalkultur“ entsteht in den Geschichten, die über den als „Nation“ gedachten STAAT erzählt werden, in den Erinnerungen, die seine heutigen Handlungen mit der Vergangenheit verbinden. Nach Benedict Anderson sind nationale Identitäten „vorgestellte Gemeinschaften“. Es gibt eine Erzählung der „Nation“, die in Lehrbüchern, in der Literatur, den Medien und der Alltagskultur immer wieder vorgetragen wird. Diese Erzählung stellt einen Zusammenhang von Geschichten, Vorstellungen, Landschaften, Szenarien, geschichtlichen Ereignissen sowie nationalen SYMBOLEN & RITUALEN her (hier z.B.: „einen Ring erben“). Die Staatsbürger nehmen an dieser Erzählung aktiv teil. Sie gibt ihrer Existenz Bedeutung und Sicherheit und bindet das Alltagsleben der Individuen an ein „nationales Schicksal“, das schon vor ihnen existierte und sie wahrscheinlich überleben wird. Wichtiger Bestandteil dieses Diskurses ist die Erfindung von „Tradition“. Nach Hobsbawn stiftet sie symbolische Praktiken, mit denen Verhaltensnormen eingeprägt werden sollen. Ebenso der Gründungsmythos: Er erfindet eine Geschichte, die den Ursprung des Staates bzw. des „Volkes“ so früh ansetzt, daß er sich im Nebel einer mythischen Zeit verliert. Auch Kolonisierte und Marginalisierte bedienen sich solcher Erfindungen um eine Gegenerzählung zu konstruieren, die neue Staaten begründen kann, auf jeden Fall aber den nationalen Aberglauben bestätigt. (Red.)
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Nationalism in the Age of Digital Simulation
(Telefoninterview mit Günther Jacob)

MOD 1: Wie beurteilst du die Bezugnahmen auf das Nationale, die derzeit bei einigen HipHop-Gruppen in Deutschland zu beobachten sind, die in türkischer Sprache rappen?

GJ: Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die auch in einigen linken Gruppen diskutiert wurde: Nach dem Brandanschlag in Solingen hatten junge Leute, denen hier vor dem Hintergrund eines völkischen Staatbürgerrechts – ganz unabhängig von ihrem eigenen Willen – eine „türkische Identität“ aufgedrängt wird, auf einer Demonstration gegen Nazis die türkische Fahne mitgeschleppt. Und da gab es eine Diskussion unter Linken, z.B. in der Zeitschrift „Wildcat“, in der die Ansicht vertreten wurde, die türkische Nationalflagge sei als eine etwas andere Malcolm X Kappe einzuschätzen, d.h. als nur taktisch eingesetztes Gegensymbol. Von nationalistischen Implikationen könne somit schwerlich gesprochen werden. Ich denke, daß diese These von der subversiven Umcodierung eines Herrschaftssymbols zum Widerstandssymbol eine hoffnungsfrohe Unterstellung ist, die einem linken Kundendienst-Problem entspringt, und daß – selbst wenn dies die Intention gewesen wäre – eine solche Umcodierung nicht gelingen kann.

Die türkischen Fahne steht für eine Unterdrückungsgeschichte, von der niemand einfach absehen kann. Wer auf Nationalismus mit Nationalismus antwortet, unterwirft sich der nationalistischen Logik. Ich denke, daß das Vorzeigen der türkischen Nationalfarben, auch dort, wo man deutsche Nazis damit einschüchtern will, nicht nur den Handlungsspielraum der türkischen Rechten vergrößert, sondern auch ganz im Sinn der deutschen Politik ist, die ja mit ihrer ganzen Gewalt die Zwangsethnisierung der Immigrantenkinder betreibt.

Der Begriff „Türke“ ist in diesem Kontext eine staatlich verordnete Differenzmarkierung, bei der Individuen einer scheinbar „ethnisch“ determinierten Kultur unentrinnbar zugeordnet werden. Wenn einige der so Ausgegrenzten nun stolz auf ein Türkentum sein wollen, sieht es so aus, als seien sie in eine Falle gegangen. Meistens ist es jedoch so, daß nur die in diese Falle gehen, die vorher schon vom nationalistischen Diskurs begeistert waren.

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Kasten 2

Credit to the Nation: Die türkische Flagge wurde in der BRD bereits in den 80er Jahren von politischen Kräften gehißt, die das damalige Militärregime im Namen der Nation kritisierten. Hier versuchte die Junta anzuknüpfen, indem sie parteiübergreifende Strukturen förderte – türkische Elternräte, Studentenvereinigungen, Unternehmerverbände etc. Als die Linke noch besser organisiert war, hatte dieses Konzept wenig Erfolg. Erst mit dem Einflußverlust der kurdischen und türkischen Linken gewannen die Lobby’s an Bedeutung. Das Feindbild „Linke“ wurde nun durch „Kurden“ ersetzt. Die türkische Fahne ist nicht als Antwort auf den Rassismus in der BRD populär geworden, sondern als Antwort auf den Abwehrkampf „der Kurden“ und im Zuge einer nationalistischen Welle in der Türkei. Die Propaganda für ein neues Türkentum läuft seit den türkischen Kommunalwahlen im März 1994 auf Hochtouren. In der Türkei wurden von Massenboulevardblättern wie „Hürriyet“ und von der MHP tonnenweise Aufkleber mit der türkischen Fahne verteilt, die viele Leute an ihre Autos oder Läden kleben. Auch Sticker, Ketten, Gürtel und Ringe mit dem Aufdruck der türkischen Fahne wurden zum Massenphänomen in der Türkei und in der BRD. Zu beachten ist auch, daß seit Beginn der 90er Jahre in der BRD sechs nationalistisch ausgerichtete private und staatliche türkische TV-Programme zu empfangen sind.
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MOD 1 (zu ACHMED und ALPER): Was haltet ihr von dieser Meinung, daß Nationalismus nicht mit Nationalismus bekämpft werden kann und daß türkische Nationalisten für die Rechten Tür und Tor öffnen?

ALPER: Ich glaube nicht, speziell nach den Anschlägen von Mölln und Solingen, daß alle Jugendlichen, die Fahnen geschwenkt haben, Nationalisten waren. Ich weiß nicht, welchen Einblick ihr in die türkische Gesellschaft habt und in die Bezieheungen, die die Menschen zueinander haben. Als z.B. in Miami deutsche Touristinnen und Touristen ermordet worden sind, glaube ich nicht, daß hier irgendjemand außer den Verwandten vielleicht denen eine Träne nachgeweint hat.

Aber ihr hättet mal erleben sollen, was in den türkischen Wohnstuben in Deutschland nach Mölln und Solingen los war. Also ich weiß es von meiner Familie, obwohl wir keines der Opfer gekannt haben, da hat eine ganze Verwandtschaft Blut und Tränen geheult. Die haben sich nicht mehr einkriegen können. Und ich meine, das muß man berücksichtigen, wenn man solche Sachen kritisiert, wie es Günther Jacob macht. Ich finde es grundfalsch von ihm, alle türkischen Jugendlichen, die nach den Anschlägen mit türkischen Fahnen rausgegangen sind, in einen Topf zu werfen und denen auch noch den Massenmord an den Kurden in die Schuhe schieben zu wollen oder dessen Unterstützung. Das finde ich absoluten Bullshit, das kann man nicht machen.
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Kasten 3

Nach den rassistischen Morden in Mölln und Solingen, die nicht nur „die Türken“ und „die Kurden“ betroffen machten, entfachten die MHP-Faschisten eine Propaganda-Kampagne, in der sie den türkischen Nationalismus beschworen. MHP, Ülkücüler („Idealisten“) und Bozkurtlar („Graue Wölfe“) sprachen heuchlerisch vom notwendigen Kampf gegen die Nazis, obwohl sie mit denen in vielen Bereichen zusammenarbeiten und obwohl sich ihre Arbeitsweise von der der Nazis nicht unterscheidet. Zu erinnern ist an die von ihnen angerichteten Massaker – Sivas 1975, Kahramanmaras 1978, Corum 1979.
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The Last Asiatic Disciple

HÖRER 1 (= H 1, telefonisch zugeschaltet, an MOD 1 gerichtet): Ich wollte an dich persönlich eine Frage richten: bist du Deutscher?
MOD 1: Ich habe einen deutschen Paß.
H 1 : Hast du ein Problem damit?
MOD : Ja.

H 1 : Gut. Müssen jetzt die Leute von Karakan, weil sie von türkischen Eltern geboren sind oder in der Türkei geboren sind, auch ein Problem damit haben, daß sie Türken sind.?

MOD 1: Das ist doch nicht das Thema. Ich bin doch nicht derjenige, der sich mit einer Deutschlandfahne auf die Bühne stellt.
H 1 : Warum dürfen das die Türken nicht?

MOD 1: Es geht nicht darum, ob sie das dürfen oder nicht. Die Frage ist, ob sie mit dem Nationalismus, den sie vertreten, nicht den Rechten Vorschub leisten und, was Günther Jacob gerade auch sagte, ob Nationalismus mit Nationalismus bekämpft werden kann, ob der deutsche Nationalismus, der durch die Nazis vertreten wird, nicht dadurch legitimiert und unterstützt wird.

H 1 : Ich verstehe bloß nicht, wie man das vergleichen kann: türkischen Nationalismus und deutschen Nationalismus.

MOD 1: Natürlich möchte ich den deutschen Nationalismus, der ja schon einmal im Nationalsozialismus endete, auf keinen Fall relativieren. Aber uns allen ist bekannt, was in der Türkei mit den Armeniern passierte, uns ist bekannt, was zur Zeit in Kurdistan, in der Osttürkei passiert. Wir wissen, wie mit der Opposition umgegangen wird in der Türkei all das ist etwas, womit man sich kaum identifizieren kann als aufgeklärter und denkender Mensch.

H 1 : Ich verstehe es einfach nicht. Ich bin links, ich bin trotzdem stolz, ein Deutscher zu sein, weil ich einfach dadruch eine gewisse Verantwortung trage. Ich fühle mich nicht dafür verantwortlich, was frühere Generationen getan haben, und ich kann jederzeit jedem ins Gesicht sagen: „He, ich bin Deutscher. Gut, es lief irgendwann mal Scheiße ab, aber es ist nicht meine Schuld. Seht her, man kann es auch anders machen.“ Ich bin wirklich erschüttert über diese Meinung, die da von Radio Z unter die Leute getragen wird.

MOD 1: Bist du denn auch stolz auf die Neonazis heute?
H 1 : Um Gottes Willen! Nein!
MOD 1: Warum nicht?
H 1 : Weil diese Leute ein falsches Bild von Deutschen an sich in die Welt setzen.

(MUSIK)

MOD 1 zu ALPER und ACHMED: Beim eurem Konzert letztes Wochenende wollte eine kurdische Gruppe euren Auftritt verhindern. Angesichts der Massaker, der verwüsteten Dörfer, des Krieges gegen die kurdische Bevölkerung könnt ihr deren Unmut nicht nachvollziehen, wenn da eine Gruppe auftritt, die stolz ein Türkentum verkündet?

ACHMED: Ich finde es dumm, denn Karakan hat noch nie etwas in der Richtung rausgelassen, daß wir es toll finden würden, was da geschieht, daß die die Kurden fertigmachen und daß die dann wieder Bomben in Deutschland hochgehen lassen. Also ich sehe das so: die Armee ist schuld, der türkische Staat ist schuld, die PKK ist schuld und das geht sowieso ewig so weiter. Mir ist es mittlerweile auch wenn sich’s hart anhört scheißegal, sollen sie sich gegenseitig kaputtmachen. Es ist so eine Art Resignation bei mir. Was sollen wir hier jetzt dagegen sagen? Was sollen wir da tun?

ALPER: Das ist jetzt ein Thema, auf das ich mich eigentlich nicht einlassen wollte. Wir alle, Kerim, Achmed und ich (= Karakan), wir sind Türken, die in Deutschland aufgewachsen sind. Wir sind mit der ganzen sozialen Situation in der Türkei wenig vertraut. Wir möchten uns auch nicht dazu äußern, weil wir nicht in dem Geschehen drin sind. Aber was mich an der ganzen Sache stört: Es verleugnet keiner von uns, daß von der türkischen Regierung Terror ausgeübt wird. Was mich aber stört, ist, daß in Europa, speziell in den linksgerichteten Medien, die PKK verharmlost wird und bis vor kurzem auch immer von der PKK als Arbeiterpartei gesprochen wurde. Für mich ist die PKK keine Arbeiterpartei, sondern eine terroristische Vereinigung, die mit den gleichen Methoden vorgeht wie der türkische Staat. Die eine Seite übt Terror aus, die andere reagiert darauf, und das schaukelt sich gegenseitig hoch.

ACHMED: Was mich nervt, ist, daß ich immer das gleiche höre. Als ich z.B. meine letzte Freundin zu Hause besuchte, war das erste, was ihre Mutter sagte: „Ich finde das Scheiße, was die Türkei mit den Kurden macht.“ Ich meine, warum erzählt sie MIR das?
Und genauso: Warum gehen die Leute auf uns los? Wir haben uns nie in die rechte Ecke gestellt und gesagt: „Wir sind stolz auf den türkischen Staat.“ Wir haben gesagt, wir lieben unser Land, aber nicht wegen der Politik dort, sondern wegen dem Land und wegen den Menschen. Ich habe genausoviele kurdische Freunde wie von anderen Nationalitäten. Mir ist es eigentlich egal, wo man herkommt. Wenn du jetzt sagst, ich bin stolz, Deutscher zu sein, ich pack’ zwar die Politik nicht, aber ich mag das Land selbst, dann sehe ich da auch kein Problem.

MOD 2: Es verlangt niemand, daß ihre eine linksradikale Rap Band werden müßt. Wenn man aber in Türkisch rappt und dabei bestimmte Sachen in diesem Staat anspricht, dann muß man auch klar dazu Stellung beziehen? Und wenn ihr sagt, ihr habt so ein Publikum, dann müßt ihr euch doch selbst fragen: wollt ihr so ein Publikum?

ALPER: Das Konzert in der DESI war schon eine Ausnahme, was das Publikum betrifft. Und ich habe den Verdacht, daß die Jugendlichen deswegen so extrem vorgegangen sind, weil vorher die Sache so hochgekocht wurde von dieser kurdischen Gruppe. Wenn die ihre Klappe gehalten hätten und nicht gefordert hätten „Wir wollen nicht, daß Karakan auftritt“, wäre das bestimmt nicht so ausgeartet. Dann hätten die ihr Boskurt Zeichen zuhause vor dem Spiegel gemacht.

ACHMED: Ich verstehe sowieso nicht, daß man die so ernst nimmt, wenn die die Boskurt Zeichen machen. Die waren doch gerade 15 oder 16. Mit solchen Kindern hat es auch keinen Sinn, zu diskutieren. Aber ich möchte noch einmal darauf antworten, warum .
wir uns nicht zur Situation in der Türkei äußern: Das würden wir ja gern. Aber wir sitzen quasi zwischen zwei Stühlen. Wir sind hier in Deutschland aufgewachsen, sind aber Türken, sind irgendwie mit unserem Land verbunden, haben aber nicht die Möglichkeit, uns mit einem soliden Grundwissen dazu äußern. Ich lebe nicht in der Türkei, ich kenne mich nicht aus, was da abgeht.

Take Control of the Party

MOD 2: Es existiert ja ein Haufen an Literatur und da kann man sich sehr wohl ein Bild von den Verhältnissen in der Türkei machen. Und was ich noch zum Alter sagen wollte: 14 und 15 Jährige mit deutschem Paß zünden Unterkünfte von Asylbewerbern an. Da sagen dann nicht wenige: „Das sind ja bloß Kids, die sind ein bißchen doof.“ In Wirklichkeit sieht man jedoch, was aus einem Nationalismus bei realtiv jungen Leuten in bestimmten Situationen entstehen kann.

ACHMED: Das ist aber nicht unser Problem, sondern die Pflicht der Eltern. Eine Frage: Stell dir vor, du wärst wir. Was würdest du dann sagen, wenn du auf der Bühne wäret?

MOD 2: Ich kenne das z.B. von Hardcore Konzerten. Zum Beispiel No Means No sagt jedes Mal vorher, daß sie kein Stage Diving haben wollen, weil das Machogehabe ist, und wenn so etwas stattfindet, hören sie auf. Ich halte nichts von plakativem Antifaschismus, daß jede Band, die irgendwelchen Rock’n’Roll Sound macht, sich vorn hinstellt und verkündet: „Wir finden das übrigens auch alle ganz große Scheiße, daß die Faschos so’n Mist machen.“ Aber man muß ernsthaft sagen können, was man für eine Einstellung dazu hat.

ALPER: Das Problem ist nur, daß HipHop eine sehr emotionale Sache ist. Jedes Mal, wenn du den Versuch machst, das lang und breit zu diskutieren, bist du unten durch. Was man auch an Gruppen wie z.B. Consolidated sieht was hat das gebracht? Die sind sogar aus der House of Pain-Tour geflogen. Ich meine, ich finde das toll, wenn die sich da hinstellen und mit ihren Zuhörern diskutieren. Fakt ist aber, daß das kein Schwein interessiert, und sobald man versucht eine größere Zuhörerschaft zu erreichen, muß man Kompromisse schließen mit dem Publikum.
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Brothers Gonna Work It Out

HÖRER 2 (= H 2; telefonisch zugeschaltet): Ich war auch auf eurem Konzert, aber ich habe die Streitereien vor dem Auftritt nicht richtig mitbekommen.

ALPER: Nach unserem Soundcheck haben irgendwelche Leute gesagt: „Wir wollen nicht, daß Karakan auftritt, und wenn die auftreten, dann gibt’s Streß.“ Ich nehme an, daß sie gedroht haben, die Veranstaltung auseinanderzunehmen. Wir haben uns aber nicht einschüchtern lassen.

H 2 : Ich verstehe nicht, wieso die das machen. Ich trage selbst ein „Graue Wölfe“ Zeichen. Das macht zur Zeit jeder Jugendliche, auch kurdische. Einfach, weil es cool ist. Ich kenne auch den Türk-Ocagi, da gehe ich immer hin, wenn Parties laufen.
MOD 1: Worum geht es denn bei dem Türk-Ocagi?
H 2 : Es ist kein faschistischer Club. Mein Vater ist schon immer in dem Verein.

MOD 1: Ist der Türk-Ocagi nun ein Verein der Grauen Wölfe oder nicht?
H 2 : Eigentlich schon. Aber sie reden nicht darüber.

ALPER: Ich glaube nicht, daß der Türk-Ocagi in irgendeiner Form mit dem MHP oder den Grauen Wölfen zusammenarbeitet. Ich sehe das mehr als eine Kulturinstitution.

(Musik)

(Anm. MOD 1: Ein Kenner der rechten Szene teilte mir nach der Sendung mit, daß der Nürnberg Türk-Ocagi tatsächlich ein Verein der Grauen Wölfe ist.)

ALPER: Zum Schluß noch ein Statement: Ich möchte mich noch einmal an alle kurdischen Brüder wenden…
MOD 1: … und Schwestern…

ALPER: … Schwestern nicht, wir sind Machos irgendwie (lacht) und möchte noch einmal anfügen: falls sich irgendwelche Leute auf den Schlips getreten oder bedroht gefühlt haben sollten von unserem Image, dann möchte ich mich im Namen der Gruppe Karakan hier noch einmal öffentlich entschuldigen. Es war in keiner Weise beabsichtigt. Wir haben nichts gegen Kurden, wir distanzieren uns von jeglicher Form von Faschismus, genauso wie von irgendwelchen Linksautonomen oder radikalen Krachmachern, wir haben damit überhaupt nichts am Hut. Wir wollen einfach guten HipHop machen für die türkischen Jugendlichen in Deutschland. Aus.

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Kasten 4
Selam milletime, selam vatanima, selam memlekete. Ich grüße mein Volk, ich grüße mein Vaterland, ich grüße meine Heimat (Karakan)
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\"Zeitschrift fuer den Rest\"
Vergrößern mit Rechtsklick.

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Nachtrag in
17°C Nr.11/1995
Günther Jacob

„Gettoda agitpop: Türk rap‘inde patlama“ (Hürriyet).

Nachtrag zum Karakan-Text im letzten Heft:

Nur wenige Wochen nach Erscheinen von Heft 10 veröffentlichte Mercury mit „Cartel“ das erste Album mit „Oriental HipHop“. Mit dabei: Karakan, Da Crime Posse und Erci E. Die deutschen Medien nutzen die Gelegenheit zur Verbreitung „kultureller“ Stereotypen: „Bauchtanz in Türkendiscos“, „Agit-Pop im Türkenghetto“, „Musik aus 1001 Nacht“.

Der Tenor war eindeutig: Endlich bekennen sich die Immigranten zu „ihrer Kultur“. Said hätte hier viel Material für ein Buch über deutschen Orientalismus gefunden. Positiv berichteten auch die BRD- und Türkei-Ausgaben der großosmanischen Medien. Die Tndenz der Berichte war auch hier eindeutig: „Die türkische Jugend in Deutschland entdeckt nun wieder das Land ihrer `Väter‘. Die neuen Pop-Stars – von Tarkan bis Karakan – stärken den Nationalstolz. Jugendliche lernen via Kabel-TV wieder Türkisch.“

Für Cartel war die Suche nach der „türkischen Identität“ lukrativ. Obwohl die Singleauskoppelung noch nicht fertig war, waren sie in diesem Sommer in der Türkei auf allen Kanälen zu hören. Die türkische Polygram setzte bisher über 100.000 Alben ab. Die türkische TV-Stationen sind stark interessiert. Alper flog für Interviews nach Istanbul. Im August fand die Türkei-Tournee statt. Endlich mal junge Leute aus Deutschland, die keinen politischen Ärger machen, sondern stolz auf ihr Land sind. Das tut gut in einer Situation, da die Türkei nicht die beste Presse hat. Auch die kriegshetzerische deutsche Ausgabe von Hürriyet, die den Überfall auf den Nordirak verteidigt und dem Grünen-Abgeordneten Özdemir vorwirft, er habe eine Freundin griechischer Herkunft und höre nie türkische Musik, ist voller Lob.

Klar, aus all dem läßt sich nicht auf ein volles Einverständnis von Karakan schließen, aber wer singt „entfremde dich nicht deiner Kultur“ oder „unser Blut ist so rot, wie unsere Fahne“ ist auch keiner Opposition verdächtig. Unser Beitrag führte zu vielfältigen Reaktionen: Medienleute wurden vor linksradikalen Provokateuren gewarnt, Türkeireisende, die Cartel im Radio gehört hatten, sprachen uns an, Tunae Meyvali, der in Holland Jazzgitarre studiert, schrieb einen Text (wir werden ihn im Zusammenhang mit Beiträgen zum „deutschen Orientalismus“ bringen), Artikel in „Taz“ und „Spex“ und „Konkret“ bezogen sich auf das Interview. Lars Freiberg von „Spex“ war offensichtlich überfordert und überschrieb seinen Artikel (6/95) mit „Keine Diskussion!“ Immerhin spürte er, „daß jetzt aus lustig ernst wird“, setzte „türkische Rapper“ brav in Anführungszeichen und fand dann – Spaß muß sein! – doch noch die Kurve zur „Dissidenz“: Cartel ist die „härteste Waffe gegen sozialdemokratische (?) Integrationsprogramm.“ (Wach auf Lars, die 80er sind vorbei und Willi Brandt ist nicht mehr Kanzler).

Nach Annette Webers Meinung stehen u.a. bei uns „die ohnehin Randständigen offenbar schneller auf dem Index als die gängigen Herrschaftssounds“ („Taz“ v.27.6.). Dabei ist es genau umgekehrt: Der Beifall für die „kulturelle Authentizität“ der zu Randständigen GEMACHTEN ist Teil des Herrschaftssounds.

Am Schlamassel der `Identity Politics‘ hat allein der dominante Ethnizismus schuld.“ (Claire Fox in „Social Text“ 41/94). Die Hypostasierung von „homogenen kulturellen Merk-Malen“ geht von der deutschen Mehrheit aus (und kommt in diesem Fall dem türkischen Staat gelegen).

Und am Anfang des „Oriental HipHop“ stand die Deutschwerdung des Rap. „Rappen auf türkisch: ein junges Phänomen“ heißt es in der „Taz“. Aber was ist geschehen, seit 1991 auf dem King Size Terror-Album „The Word Is Subversion“, das die deutsche „Vereinigung“ zum Thema hat, der erste türkischsprachige Rap auftauchte?

Wie immer geht es uns in erster Linie um das deutsche Wohlwollen gegenüber dem Tribalismus der Nichtzugehörigen. Und mit denen wird niemals gestritten, sie werden niemals mit ihren Aussagen ernst genommen, sondern grundsätzlich als Leute, die nur „reagieren“. Man redet über sie wie über Kinder oder wie über eine Struktur. Was sie „eigentlich“ sagen wollen, weiß man immer schon. Wie immer spielt sich die deutsche Seite als Verteidiger des Rechts der Fremden auf KULTURELLE Differenz auf und fragt „Warum sollen das die Türken nicht dürfen?“.

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17°C - Guenther Jacob
17°C – Zeitschrift für den Rest. Inhalt von Heft 10/1995.

Günther Jacob 1995
17°C – Zeitschrift für den Rest. Inhalt von Heft 11/1995.
Vergrößern mit Rechtsklick.

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Szene Hamburg
6/1995
Günther Jacob

Deutscher Orientalismus

„Fast eine Million türkische Jugendliche leben in Deutschland. Ein gewaltiges Potential.“

Die fortschreitende Ethnisierung des Sozialen stellt sich aus Unternehmersicht als Entstehungsprozess neuer Märkte dar, den es zu fördern und zu stabilisieren gilt. Die Begeisterung über das „gewaltige Potential“ äußerte in diesem Fall ein Manager der Plattenfirma Mercury Ende April auf einer Informationsveranstaltung, die die Presse mit einem neuen Produkt des Hauses bekannt machen sollte: Dem ersten „Oriental HipHop-Sampler“ mit Karakan, Erci E und Da Crime Posse.

Der Mann hat da seine Erfahrungen. Vor vier Jahren hatte er schon für das Marlboro-Label Boombastic Records den Sampler „Krauts with Attitude“ konzipiert und so seinen Beitrag zur Deutschwerdung des Rap geleistet.

Die Herauslösung eines „deutschen Sprechgesangs“ aus einer bis dahin kosmopolitischen Szene war wesentliche Voraussetzung für die anschließende Konstruktion eines „orientalischen HipHops“, der nun als angeblich „authentische“ Musik all derer vermarktet wird, die in Deutschland als Nichtzugehörige behandelt werden.

Für ein auf dem internationalen Popmarkt agierendes Unternehmen ist es zwar etwas ungewöhnlich, wenn „die Türken“ zu einer seiner besonderen Zielgruppen werden, aber auf solche Herausforderungen reagiert die Branche schnell und flexibel: Die Pressevorführung des Videos zum „ersten Oriental HipHop Sampler“ (Veröffentlichung: 2. Mai 1995) fand „wegen des Feelings“ ganz zünftig“ in einem türkischen Restaurant statt. Überhaupt schien alles ganz unproblematisch zu sein.

Auch den anwesenden Medienpartnern erschien es vollkommen selbstverständlich, das es sich bei Jugendlichen, deren Eltern oder Großeltern vor vielen Jahren aus der Türkei in dieses Land kamen, nur um TÜRKEN handeln kann. Ihnen leuchtet auch ein, was die Plattenfirma im Presse-Info mitteilte: Dass es sich bei „den Türken“ um eine „ethnische Minderheiten“ handelt, die uns nun auch mit Oriental HipHop eine Vorstellung von „ihrer eigenen Identität vermittelt.“: „Denn erst wer klar macht, wo er steht, wird berechenbar (!) und ernst genommen.“ Junge Leute, die in Nürnberg, Kiel oder Berlin in türkischer Sprache rappen, machen eben Musik „für ihre Leute“. Sie stärken deren „Identität auf der kulturellen Ebene“ („Flyer „Berlin Up-Dates“ 11/1995).

Die übliche Versorgung der Presse mit Anzeigen, Reviews und Features musste nur geringfügig modifiziert werden. Neben „Spiegel“ (vgl. die Ausgabe vom 24. 4.1995), „Woche“ (ebenso), „Stern“, „Zeit“, „Tempo“, „Spex“, „Prinz“ und „ME/Sounds“ war diesmal noch an die Jugendbeilage von „Hürriyet“, „der auflagenstärksten (350.000) türkischen Tageszeitung in Deutschland“ zu denken. Und neben MTV, VIVA und RTL 2/Bravo TV auch an TD 1 und TRT, „die beiden in Deutschland zu empfangenden türkischen TV-Sender.“

Mercury und viele Journalisten sind nun davon überzeugt, dass „orientalischer HipHop“ 1995 ein großes Ding werden könnte. Zumal es diesmal nicht bei vereinzelten (wie 1991) oder kompletten (wie 1993) Raps in türkischer Sprache bleibt, sondern die Stücke nun durch gesamplete türkische Heimatfilme und folkloristische Instrumente (Saz, Zurna) eindeutig „orientalisch“ bzw. „exotisch“ codiert wurden.

Skeptisch ist lediglich Ozan Sinan, der junge Trendscout, der die Szene kennt und die Idee an die Plattenfirma herangetragen hatte. Dem in der BRD aufgewachsenen Sohn türkischer Immigranten, seit einigen Monaten neuer Manager von Karakan, bereitete der ignorante Optimismus der deutschen Medienleute einige Sorgen. Er erinnert sie daran, dass die Veröffentlichung des Samplers in eine Zeit massiver türkisch-kurdischer Auseinandersetzungen fällt.

Eine linksradikale Zeitschrift (17°C) habe Karakan soeben als Nationalisten bezeichnet und man müsse auch auf Angriffe von Seiten der kurdischen Presse vorbereitet sein. Ozan hat für die Presse alle Titel des Samplers ins Deutsche übersetzt und stellt dabei eine Aussage heraus, die möglichen Einwänden zuvorkommen soll: „Türken und Kurden sind Brüder und Schwestern.“

Doch dieser Satz findet sich ganz unvermittelt am Ende eines Stückes, das „kulturelle Identität“ als heiligstes aller Güter beschwört: „Entfremde dich nicht von deiner eigenen Kultur/denn sie ist dein Rückgrat/ du muss sie schätzen l ernen./ Höre auf, unsere Tradition zu verachten/ lebe dein Leben, aber beschmutze sie nicht.“

Und ein paar Songs vorher heißt es: „Unser Blut ist so rot wie unsere Fahne.“
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(Aktueller Bezug: Graue Wölfe/MHP im linken Radiosender FSK
(September 2016)

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2015 FSK, Thomas Meinecke, Goethe-Institut

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Das Goethe-Institut exportiert die Neue Deutsche Welle als Kultur-Trademark für Deutschland – in einer rein „arischen“ Fassung: niemand mit „Migrationshintergrund“ gehört im Rückblick noch dazu. Die 8oer-Deutschpop-Show „Geniale Dilletanten“ wird 5 Jahre lang durch die Welt geschickt. Mit dabei ist Thomas Meinecke von FSK.

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Die Welt, 26.06.15

■ INTERVIEW MIT THOMAS MEINECKE

Thomas Meinecke und FSK waren dabei, als die „Genialen Dilletanten“ die Neue Deutsche Welle lostraten. Jetzt sind sie museumsreif.

Die Welt:

Sie haben mal gesagt, was Sie nicht wollen ist, wie die Neubauten vom Goethe-Institut als Kultur-Trademark für Deutschland durch die Lande geschickt zu werden. Jetzt ist es doch so gekommen: „Geniale Dilletanten“, die Ausstellung, wurde vom Goethe-Institut konzipiert.

Thomas Meinecke:

Vielleicht war’s kokett, das zu sagen.
Vielleicht waren wir auch beleidigt, weil immer nur Bands genommen wurden, die für eine bestimmte Vorstellung von Deutschland stehen: dass es immer brachial zugehen muss, dass immer sozusagen Verdun aufgeführt werden muss, wenn eine deutsche Band auf der Bühne steht. Das ist uns so fern!

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2005 antinationaler Kultur-Nationalismus

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KONKRET 11/2005

Kennzeichen D

Poplinker Antinationalismus als höchstes Stadium des jungen deutschen Kulturnationalismus

Von Günther Jacob

Der Anspruch der Szenen, die während den 1980er Jahren in der alten BRD Pop mit (irgendwie) linken Bedeutungen aufladen wollten, war eher bescheiden und selbstgenügsam: Es ging gegen „Altlinke“ und die Ignoranten im bürgerlichen Feuilleton, die immer noch nicht begriffen hatten, dass auch Pop kulturell wertvoll sein kann. Einen besonderen nationalen Auftrag hatte man sich weder selbst erteilt, noch wurde er den „dissidenten Konsumenten“ dieser Zeit von staatlicher Seite zuerkannt.

Es reichte, dass Popmusik für westliche Freiheit steht, die ihre subversive Wirkung ganz von selbst entfaltete – im Ostblock. Zwar richtete sich schon die „Neue Deutsche Welle“ gezielt gegen die „angloamerikanische Dominanz“, aber eine politische Bedeutung konnten solche Tendenzen angesichts des „Eisernen Vorhangs“ nicht entfalten. An so etwas wie eine „Wiedervereinigung“ in überschaubarer Zeit glaubte nicht einmal die politische Klasse. „Dissidenter Popkonsum“ war deshalb kaum mehr als eine Bürgerkindernische im Schatten des Kalten Krieges. Auch die Erwartung besonderer Karrieren an Hochschulen oder in den Feuilletons (FAZ, SZ etc.) war mit dem Erwerb subkultureller Kompetenzen (enzyklopädische Plattenkenntnisse, kulturelle Codes und so weiter) nicht verbunden. An die Hochschulen kannte man Cultural Studies nicht mal dem Namen nach und die Feuilletons widmeten sich der hochkulturellen Premierenkritik.

All das änderte sich gleich gleich nach der „Wiedervereinigung“, besonders nach dem Beschlus, die alte Reichshauptstadt wieder zum politischen und kulturellen Zentrum Deutschlands zu machen.

Die Wandlung der alten BRD in „Deutschland“ beschleunigte sich die Ablösung der Alten, die zur eigenen Überraschung den Zweiten Weltkrieg doch noch gewonnen hatten, durch die Jungen, die nun die Chancen witterten, die sich an den Unis des Ostens, im „Haupstadtjournalismus“ oder bei der weltweiten Ausdehnung der Aktivitäten des Goethe-Instituts boten. Hinreichend vorbereitet der Generationenwechsel durch den Aufstieg von Öko- und Jungsozialisten, die in dem Maße, in dem sie politischen Einfluss erlangten, in „Deutschland“ nicht mehr den Staat der Revanchisten sahen, sondern ihren Staat – ein Perspektivwechsel, der durchaus den Seilschaften aus der Jungen Union gefiel, die sich aufmachten, ihre Altvordern im rechtskonservativen Feuilleton und Kulturbetrieb abzulösen.

Und wie aus dem Staat der Revanchisten plötzlich der Staat der Antifaschisten wurde, die ihre Bomber mit der Aufschrift „Nie wieder!“ gen Belgrad schicken, wurde aus dem Staat der postfaschistischen Hochkultur der weltoffene Popstandort Deutschland, vor dem sich keiner mehr fürchten musste, der nicht gerade mit falschem Paß oder falscher Hautfarbe in Hoyerswerda oder Solingen wohnte.

Während Popszenen und Kunstnachwuchs aus Westdeutschland nach Berlin-Mitte wechselten, um in diesem vorgeblich menschenleeren Gebiet vormaliges DDR-Staatseigentum, darunter auch so manches einst „arisierte“ Haus, in angesagte locations zu verwandeln um der rotgrünen staatstragenden Mittelschicht, die sich nun in der neuen Hauptstadt breit machte, ein passendes „hippes Kulturleben“ zu bieten, entdeckte man in den Feuilletons und den diversen Kulturinstitutionen zwischen Volksbühne und Museumsszene (und später der Bundeskulturstiftung) die Möglichkeiten eines antinationalen Kulturnationalismus.

Der „anständige“ antinationale Kulturnationalismus grenzt sich in Identifikation mit dem Staat, der nun wirklich der eigene ist – der Staat der jungen Eliten, die es satt haben, von New Yorker Taxifahrern mit Hitler in Verbindung gebracht zu werden – , vom dumpfen Deutschnationalismus ab. Antinationaler Kulturnationalismus erfindet Deutsch-Rap gegen die angloamerikanische Vorherrschaft und goutiert zugleich den „Orient-Rap“, den man den vormals englisch rappenden Jugendlichen mit „migrantischem Hintergrund“ als „authentische Alternative“ empfohlen hatte. Antinationaler Kulturnationalismus reinigt die Reichshaupstadt mittels Loveparade von ihrem Nazi-Image, um kundzutun, dass man gerade deshalb so richtig stolz auf Deutschland ist. Antinationaler Kulturnationalismus publiziert Aufrufe gegen Rechts, um dann die Bands der „Hamburger Schule“ (und ihrer Nachfolger) als beste deutsche Dichtung seit Goethe abzufeiern und als Botschafter des jungen Deutschlands übers Goethe-Institut in alle Welt zu schicken.

Und um möglicher linker Kritik zuvorzukommen (eine unsinnige Sorge) produziert der antinationale Kulturnationalismus hin und wieder sogar einen „antinationalen“ Pop-Sampler, auf dem antinationale Deutschpopgruppen, sonst auch mit dem Goethe-Institut in Estland oder Japan („Deutschlandjahr“) unterwegs, nahezu unter sich sind, wo es also auch keine Orientrapper und andere Rand- und Unterschichtenvertreter gibt.

Der Antinationale Kulturnationalismus wurde nicht zuletzt gegen die antinationale Linke der neunziger Jahre entwickelt. Die Abgrenzung von der „überzogenen Nationalismuskritik“ war damals schon das einigende Band zwischen den Bands und Schreibern und zugleich Voraussetzung für ihre gute Presse. Als man endlich ganz unbefangen ein Kraut with attitude sein wollte, um als Berlin-Redakteur der FAZ groß rauszukommen, war man sichtlich verdutzt, dass ein antideutsches Minimilieu Front gegen den Popnationalismus machte.

Noch Mitte der neunziger Jahre, als man noch nicht fest im Sattel saß und schlechte Presse im Ausland fürchtete, hatte man sich gezwungen gesehen, auf die völlig marginale antideutsche Kritik zu reagieren – mit dem Nachweis, dass der Nationalismusvorwurf ein typisch linkes Hirngespinst sei, und der Beteuerung, dass man selbst schon immer „gegen Nationalismus“ gewesen sei und es sich bei den Diskussionen um Radioquote und Popstandort Deutschland nur um eine ökonomische Thematik handele, die sich in der Hitze des Gefechts ideologisch auflade.

Ende 2005 ist der antinationale Kulturnationalismus selbst ein deutsches Popgenre geworden. Indem die Lieblingsbands des Goetheinstituts, der Bundeskulturstiftung, der Pop-Professoren und des nationalen Feuilletons zwischen Taz und FAZ, die zugleich die Lieblingsbands der meisten linken Kulturzentren und der Bürgerkinderantifa sind, sich gegen die (längst in den Schatten gestellte) Radioquote und Bands wie Mia abgrenzen, versuchen sie darüber hinwegzutäuschen, dass sie bereits getan haben und tun, was Mia & Co. jetzt erst aussprechen, und die realen Überschneidungen zum Lager der Quotenfans (z.B. Jan Delay) daher auch kein Zufall sind.

Der Aufstieg der meisten Bands, die z.B. auf dem neuen Sampler „I can’t relax in Deutschland“ vertreten sind, verdankt sich einer informellen Quote, der medialen und institutionellen Förderung, die diese Bands seit 1990 erfahren haben, und zwar ausdrücklich aus den Gründen, aus denen das Goethe-Institut sie um den Erdball schickt: Sie sollen – ganz ohne verbalen Nationalismus – Reklame für das neue Deutschland machen.

Der antinationale Kulturnationalismus scheint selbst randständig zu sein, und im Vergleich zu anderen gesamtdeutschen Popereignissen (Rechtsrock, Quotenrock, Loveparaden, Schlagermoves, Ostalgiefestivals) ist er es tatsächlich. Doch seine Bedeutung lag nie in seinem Hitpotential, sondern vor allem darin, dass er den von links und rechts kommenden jungen Eliten, die in den Institutionen (Museen, Theater, Institute) und im Feuilleton längst zusammengefunden haben und problemlos zwischen der Affirmation von Jörg Friedrichs Bombenkriegsbuch und der Herausgabe der Klassiker der Comicliteratur osszilieren, eine Möglichkeit gab und gibt, auf zeitgemäße und „anständige“ Weise für Deutschland zu sein.

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Günther Jacob veröffentlichte zuletzt „Die Modernisierung der Identität. Pop als Teil des Gründungsmythos der Berliner Republik“ (in „Pop & Mythos“, Schlingen 2001) sowie „Archäologie des Hipnessverfalls“ (in „Die offene Stadt“, Essen 2003).

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Quellen:

→ http://archiv.konkret-magazin.de/in.php?text=&jahr=2005&mon=11
Konkret 11/2005

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→ http://ildb.nadir.org/q/1/autorin/Jacob,+Günther.html
Nadir-Dataspace

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→ http://www.inforiot.de/15-jahre-superdeutschland/
1. Oktober 2005, 19:00 Uhr,
Fabrik, Potsdam
15 Jahre Superdeutschland. Poplinker Antinationalismus als höchstes Stadium des jungen deutschen Kulturnationalismus. Veranstaltung mit Günther Jacob im Rahmen des Kongresses „Null Gründe zu feiern“ der Antifa Potsdam.

(Auf dem inforiot-Blog findet sich ein Hinweis auf eine Veranstaltung der antinationalen Kulturnationalisten, die am 2. Oktober 2005 in der Berliner Volksbühne den deutschnationalen Sampler „I can`t relax …“ vorstellten. Mit dabei: Tobias Rapp (damals Jungle World/Taz, heute Spiegel), Ulf Poschardt von der Welt und Roger Behrens, einem der Linernotes-Schreiber. Danach spielen – gerade zurück von der Goethe-Institut-Tour durch Estland – Kante).

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→ http://www.prozion.de/events.html
12. Dezember 2005, 19.00 Uhr
Weltbühne, Hamburg (Nobistor 24)
Poplinke vs. Bushido oder: Wie die Comics in die FAZ kamen. Poplinker Antinationalismus als höchstes Stadium des Kulturnationalismus. Vortrag von Günther Jacob und bad weather. Veranstaltet von bad weather mit freundlicher Unterstützung der Hochschulantifa Hamburg.

→ http://de-bug.de/musik/hoch-oder-pop/
debug 7.12.2005
HOCH ODER POP? Diskussion und Vortrag mit Günther Jacob

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→ http://www.fsk-hh.org/sendungen/showallproto/Poplinke+-+Bushido
Dezember 2005
Sendereihe auf FSK Hamburg 93 FM
Poplinke versus Bushido oder: Wie die Comics in die FAZ kamen.
Vortrag Weltbühne von Günther Jacob vom 12. Dezember 2005
Teil 1: Popkultur und Hochkultur
Teil 2: Politische Linke und Pop-Linke
Teil 3: Bushido

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→ https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=I_Can’t_Relax_in_Deutschland&diff=38352723&oldid=37408906

Verweis auf KONKRET auf Wikipedia heimlich gelöscht

2005 wehrten sich die poplinken Kulturnationalisten wütend dagegen, dass die Existenz einer antideutschen Kritik an ihrem Deutschpop-Sampler in dem (von ihnen selbst verfassten) Wikipedia-Eintrag „I Can’t Relax in Deutschland“ überhaupt erwähnt wird. (Siehe die Diskussionsseite zu dem Artikel). Den einen kurzen (und falschen) Satz mit einem Hinweis zu dem obigen Konkret-Artikel , den sie 2005 nicht verhindern konnten, strichen sie 2008 (als es bei 0-2 Abrufen am Tag niemand auffiel) klammheimlich raus:

„I Can’t Relax in Deutschland“ – Wikipedia-Versionsunterschied

Inhaltsverzeichnis bis 2008
1 Zentrale Positionen
2 Mitglieder
3 Kritiker

Kritiker
[…] Eine etwas harschere Kritik kommt vom Autor Günther Jacob, welcher den an der Initiative beteiligten Bands in der Ausgabe 11/2005 des Magazins konkret Kulturtraditionalismus vorwirft. Viele der beteiligten Bands engagierten sich im Rahmen des Goethe-Instituts für die Verbreitung deutscher Kultur.
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Inhaltsverzeichnis nach 2008
1 Zentrale Positionen
2 Mitglieder

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2013 Die Deutschpop-Jury

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Die Rolling-Stone-Redaktion der US-Ausgabe hat die 500 besten Alben aller Zeiten gewählt. Die deutsche Redaktion hat diese Liste um die 50 besten nationalen Alben ergänzt.

■ Die 50 besten deutschen Alben aller Zeiten

Die Juroren:

(Unter den 500 besten Alben aller Zeiten waren leider keine DEUTSCHEN. Das fanden wir gemein).

Andreas Läsker, Blixa Bargeld, Christoph Dallach, Max Dax, Jan Delay, Bernd Dopp, Willy Ehmann, Christof Ellinghaus, Birgit Fuß, Beat Gottwald, Thomas Groß, Torsten Groß, Anne Hamanns, Olaf Heine, Joachim Hentschel, Birgit Heuzeroth, Alfred Hilsberg, Klaus Kalaß, Schorsch Kamerun, Andrian Kreye, Albert Koch, Daniel Koch, Eric Landmann, Udo Lange, Daniel Lieberberg, Tom Liwa, Anna Loos, Mark Löscher, Wolfgang Niedecken, Patrick Orth, Eric Pfeil, Jan Plewka, Peter Radszuhn, Tobias Rapp, Stephan Rath, Stefan Reichmann, Tim Renner, Ruben Jonas Schnell, Frank Spilker, Carsten Stricker, Arnim Teutoburg Weiss, Peter Urban, Stephan Velten, Uwe Viehmann, Benjamin von Stuckrad-Barre, Klaus Walter, Jürgen Ziemer.

Rolling Stones, 7. Mai 2013

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2011 Deutschpop, Krisenländer, Goethe-Institut

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■ Man spricht DEUTSCH

Die deutsche Sprache erlebt in Europa eine Renaissance.
Nach jahrelang stagnierenden Zahlen registrieren die Goethe-Institute in den südeuropäischen Krisenländern und in Osteuropa ein sprunghaft gestiegenes Interesse.

Mit Englisch kommt man durch, mit Deutsch kommt man weiter“, so beschreibt der Präsident des Goethe-Instituts, Klaus-Dieter Lehmann, den Trend.

Die Welt, 30 10 2011
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1999 „Kulturschaffende“

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■ SINGENDE FAZ-HERAUSGEBER

Stalin, Freund, Genosse
Unerhörte Klänge und unglaubliche Worte erfüllten das Allerheiligste der „Frankfurter Allgemeinen“, den großen Konferenzraum: „Stalin führte uns zu Glück und Frieden, unbeirrbar wie der Sonne Flug“, sang da eine männliche Stimme zwischen Buffo und Baß, nicht professionell geformt, aber doch talentiert und von der Sache beseelt „Langes Leben sei dir noch beschieden, Stalin, Freund, Genosse treu und klug“. Der Name des Belcantors: Johann Georg Reißmüller, 66, Ende Februar ausscheidender „FAZ“-Herausgeber, ein verdienter Journalist, der die klassischen Kriterien des Kalten Kriegers und langjährigen Kommunistenfressers vorbildlich zu erfüllen scheint. Auf seiner wegen des Andrangs in zwei Tranchen aufgeteilten Abschiedsfeier präsentierte der leidenschaftliche Antikommunist ein bizarres Potpourri aus dem Musikschaffen der DDR darunter Leckerbissen wie die SED-Parteihymne von 1950 mit dem Refrain „Die Partei, die Partei, die hat immer recht“, das Thälmann-Lied und das „Lied von der blauen Fahne“. Zuvor war in monatelangen Mühen nach den altrevolutionären Weisen gefahndet worden. Verschollene Texte mußten an Hand alter Aufnahmen transkribiert werden, bevor die Hymnen auf den Sozialismus einstudiert werden konnten. Ein Tonbandmitschnitt des musikhistorischen Ereignisses, der dem SPIEGEL vorliegt, bezeugt den Beifall der Belegschaft für das wiedererweckte Liedgut des 1989 endgültig besiegten Klassenfeindes. Augenzeugen berichten, daß im Publikum DDR-Fähnchen geschwungen wurden. Noch rätseln Interpreten dieses surrealen Auftritts, ob es sich dabei um ein Symptom der neuen deutschen Spaßgesellschaft handelt, um den symbolischen Abschluß eines Lebenswerks „Der Reißmüller, der Reißmüller, der hat immer recht“ oder um den Vorklang der „Berliner Republik“. Originalton Reißmüller: „Auferstanden aus Ruinen / und der Zukunft zugewandt / laß uns dir zum Guten dienen / Deutschland, einig Vaterland.“ Den Schluß des denkwürdigen Auftritts markierte Reißmüller jedenfalls wieder klassisch kühl: „Die Konferenz ist beendet.“

Der Spiegel, 01.02.1999

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2007 Spex, Berliner Seiten , FAZ, Verbrecher-Verlag, Suhrkamp

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■ Underground

Ganz nebenbei hat Dietmar Dath eine steile Karriere hingelegt: als Journalist von der Spex, den Berliner Seiten der FAZ bis direkt ins Epizentrum des Bildungsbürgertums, dem FAZ- Feuilleton. Als Autor vom feinen kleinen Verbrecher Verlag über den eigenen Implex-Verlag in das Herz der deutschen Geisteselite: zu Suhrkamp. Ein Marsch durch die Institutionen: von den Rändern der Subkultur mitten rein in die Gegenwartsliteratur.

de:bug, 10.2.2007

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2005 Bundeskulturstiftung + Poplinke

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■ Staats-Pop

Denn so profiliert Diederichsen als Spex-Herausgeber war und als Autor für alle möglichen Zeitungen von Jungle World bis Süddeutsche heute immer noch ist – seine Behauptungen und ästhetischen Richtungsangaben konnten ihre Kraft auch deshalb entfalten, weil er niemals müde wird, sie als Lobbyist hinter den Kulissen durchzusetzen. Er mag nicht der einzige gewesen sein, der

in der Jury saß, die die Bundeskulturstiftung bei der Vergabe ihrer Gelder beriet,

doch es gab Partys linker Kulturschaffender in den letzten Jahren, wo die Zahl derjenigen, die ihre Miete direkt oder indirekt von der Bundeskulturstiftung bezahlt bekamen, locker die Zahl überwog, die sich anderswo ausbeuten.

Umso abstruser natürlich Poschardts Vorwurf, Diederichsen hätte die Verbindung zur Realität verloren. Dies ist Realpolitik. Sie glaubt bloß nicht, dass Deutschland und die Volksbühne sich ausschließen müssten.

Taz, 15.11. 2005, Tobias Rapp (jetzt Spiegel)

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2002 Ende der BERLINER SEITEN der FAZ

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■ FAZ-Pop

Was ist los in FFM? … Erst wollen sie mit der gesamten Feuilleton Redaktion nach Berlin ziehen, haben Pläne für eine englischsprachige Ausgabe und dann? Die Berliner Seiten, die Diedrich Diedrichsen bei ihrem Erscheinen als

eine der großen journalistischen Neuerungen

abgefeiert hatte, werden, so jedenfalls eine Meldung von Horizont.net, ab Juli eingestellt. Mit Sicherheit spart das Kosten, …dieses nicht nur durch seine Kommentare auf der Titelseite

immer noch sehr klassischen CDU Mediums,

aber ist die neue Mitte … wirklich so ganz vom Tisch, dass sich nicht mal mehr eine 8-Seitige Berichterstattung von Berliner Volksfesten, Bahnproblemen, Schlossideologien, Vogelgesängen, Fussballunsinn und ähnlichem lohnt? War nicht Florian Illies Generation Golf ein echtes Auflagenargument für eine Zeitung, die …auf ihr Hauptzugpferd, die Wirtschaftsberichterstattung eigentlich nicht mehr setzen kann? Nicht dass wir trauern, aber ein wenig mehr … Standortpolitik hätten wir schon erwartet. Aber vielleicht gibt es ja nach den Wahlen dann ein Relaunchprojekt. (Poschardt, lass Dich von DENEN nicht als Poprechter bezeichnen!)

De:bug, 19.06.2002
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GJ, Kontakt: dbd (at) riseup.net
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