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2005 antinationaler Kultur-Nationalismus

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KONKRET 11/2005

Kennzeichen D

Poplinker Antinationalismus als höchstes Stadium des jungen deutschen Kulturnationalismus

Von Günther Jacob

Der Anspruch der Szenen, die während den 1980er Jahren in der alten BRD Pop mit (irgendwie) linken Bedeutungen aufladen wollten, war eher bescheiden und selbstgenügsam: Es ging gegen „Altlinke“ und die Ignoranten im bürgerlichen Feuilleton, die immer noch nicht begriffen hatten, dass auch Pop kulturell wertvoll sein kann. Einen besonderen nationalen Auftrag hatte man sich weder selbst erteilt, noch wurde er den „dissidenten Konsumenten“ dieser Zeit von staatlicher Seite zuerkannt.

Es reichte, dass Popmusik für westliche Freiheit steht, die ihre subversive Wirkung ganz von selbst entfaltete – im Ostblock. Zwar richtete sich schon die „Neue Deutsche Welle“ gezielt gegen die „angloamerikanische Dominanz“, aber eine politische Bedeutung konnten solche Tendenzen angesichts des „Eisernen Vorhangs“ nicht entfalten. An so etwas wie eine „Wiedervereinigung“ in überschaubarer Zeit glaubte nicht einmal die politische Klasse. „Dissidenter Popkonsum“ war deshalb kaum mehr als eine Bürgerkindernische im Schatten des Kalten Krieges. Auch die Erwartung besonderer Karrieren an Hochschulen oder in den Feuilletons (FAZ, SZ etc.) war mit dem Erwerb subkultureller Kompetenzen (enzyklopädische Plattenkenntnisse, kulturelle Codes und so weiter) nicht verbunden. An die Hochschulen kannte man Cultural Studies nicht mal dem Namen nach und die Feuilletons widmeten sich der hochkulturellen Premierenkritik.

All das änderte sich gleich gleich nach der „Wiedervereinigung“, besonders nach dem Beschlus, die alte Reichshauptstadt wieder zum politischen und kulturellen Zentrum Deutschlands zu machen.

Die Wandlung der alten BRD in „Deutschland“ beschleunigte sich die Ablösung der Alten, die zur eigenen Überraschung den Zweiten Weltkrieg doch noch gewonnen hatten, durch die Jungen, die nun die Chancen witterten, die sich an den Unis des Ostens, im „Haupstadtjournalismus“ oder bei der weltweiten Ausdehnung der Aktivitäten des Goethe-Instituts boten. Hinreichend vorbereitet der Generationenwechsel durch den Aufstieg von Öko- und Jungsozialisten, die in dem Maße, in dem sie politischen Einfluss erlangten, in „Deutschland“ nicht mehr den Staat der Revanchisten sahen, sondern ihren Staat – ein Perspektivwechsel, der durchaus den Seilschaften aus der Jungen Union gefiel, die sich aufmachten, ihre Altvordern im rechtskonservativen Feuilleton und Kulturbetrieb abzulösen.

Und wie aus dem Staat der Revanchisten plötzlich der Staat der Antifaschisten wurde, die ihre Bomber mit der Aufschrift „Nie wieder!“ gen Belgrad schicken, wurde aus dem Staat der postfaschistischen Hochkultur der weltoffene Popstandort Deutschland, vor dem sich keiner mehr fürchten musste, der nicht gerade mit falschem Paß oder falscher Hautfarbe in Hoyerswerda oder Solingen wohnte.

Während Popszenen und Kunstnachwuchs aus Westdeutschland nach Berlin-Mitte wechselten, um in diesem vorgeblich menschenleeren Gebiet vormaliges DDR-Staatseigentum, darunter auch so manches einst „arisierte“ Haus, in angesagte locations zu verwandeln um der rotgrünen staatstragenden Mittelschicht, die sich nun in der neuen Hauptstadt breit machte, ein passendes „hippes Kulturleben“ zu bieten, entdeckte man in den Feuilletons und den diversen Kulturinstitutionen zwischen Volksbühne und Museumsszene (und später der Bundeskulturstiftung) die Möglichkeiten eines antinationalen Kulturnationalismus.

Der „anständige“ antinationale Kulturnationalismus grenzt sich in Identifikation mit dem Staat, der nun wirklich der eigene ist – der Staat der jungen Eliten, die es satt haben, von New Yorker Taxifahrern mit Hitler in Verbindung gebracht zu werden – , vom dumpfen Deutschnationalismus ab. Antinationaler Kulturnationalismus erfindet Deutsch-Rap gegen die angloamerikanische Vorherrschaft und goutiert zugleich den „Orient-Rap“, den man den vormals englisch rappenden Jugendlichen mit „migrantischem Hintergrund“ als „authentische Alternative“ empfohlen hatte. Antinationaler Kulturnationalismus reinigt die Reichshaupstadt mittels Loveparade von ihrem Nazi-Image, um kundzutun, dass man gerade deshalb so richtig stolz auf Deutschland ist. Antinationaler Kulturnationalismus publiziert Aufrufe gegen Rechts, um dann die Bands der „Hamburger Schule“ (und ihrer Nachfolger) als beste deutsche Dichtung seit Goethe abzufeiern und als Botschafter des jungen Deutschlands übers Goethe-Institut in alle Welt zu schicken.

Und um möglicher linker Kritik zuvorzukommen (eine unsinnige Sorge) produziert der antinationale Kulturnationalismus hin und wieder sogar einen „antinationalen“ Pop-Sampler, auf dem antinationale Deutschpopgruppen, sonst auch mit dem Goethe-Institut in Estland oder Japan („Deutschlandjahr“) unterwegs, nahezu unter sich sind, wo es also auch keine Orientrapper und andere Rand- und Unterschichtenvertreter gibt.

Der Antinationale Kulturnationalismus wurde nicht zuletzt gegen die antinationale Linke der neunziger Jahre entwickelt. Die Abgrenzung von der „überzogenen Nationalismuskritik“ war damals schon das einigende Band zwischen den Bands und Schreibern und zugleich Voraussetzung für ihre gute Presse. Als man endlich ganz unbefangen ein Kraut with attitude sein wollte, um als Berlin-Redakteur der FAZ groß rauszukommen, war man sichtlich verdutzt, dass ein antideutsches Minimilieu Front gegen den Popnationalismus machte.

Noch Mitte der neunziger Jahre, als man noch nicht fest im Sattel saß und schlechte Presse im Ausland fürchtete, hatte man sich gezwungen gesehen, auf die völlig marginale antideutsche Kritik zu reagieren – mit dem Nachweis, dass der Nationalismusvorwurf ein typisch linkes Hirngespinst sei, und der Beteuerung, dass man selbst schon immer „gegen Nationalismus“ gewesen sei und es sich bei den Diskussionen um Radioquote und Popstandort Deutschland nur um eine ökonomische Thematik handele, die sich in der Hitze des Gefechts ideologisch auflade.

Ende 2005 ist der antinationale Kulturnationalismus selbst ein deutsches Popgenre geworden. Indem die Lieblingsbands des Goetheinstituts, der Bundeskulturstiftung, der Pop-Professoren und des nationalen Feuilletons zwischen Taz und FAZ, die zugleich die Lieblingsbands der meisten linken Kulturzentren und der Bürgerkinderantifa sind, sich gegen die (längst in den Schatten gestellte) Radioquote und Bands wie Mia abgrenzen, versuchen sie darüber hinwegzutäuschen, dass sie bereits getan haben und tun, was Mia & Co. jetzt erst aussprechen, und die realen Überschneidungen zum Lager der Quotenfans (z.B. Jan Delay) daher auch kein Zufall sind.

Der Aufstieg der meisten Bands, die z.B. auf dem neuen Sampler „I can’t relax in Deutschland“ vertreten sind, verdankt sich einer informellen Quote, der medialen und institutionellen Förderung, die diese Bands seit 1990 erfahren haben, und zwar ausdrücklich aus den Gründen, aus denen das Goethe-Institut sie um den Erdball schickt: Sie sollen – ganz ohne verbalen Nationalismus – Reklame für das neue Deutschland machen.

Der antinationale Kulturnationalismus scheint selbst randständig zu sein, und im Vergleich zu anderen gesamtdeutschen Popereignissen (Rechtsrock, Quotenrock, Loveparaden, Schlagermoves, Ostalgiefestivals) ist er es tatsächlich. Doch seine Bedeutung lag nie in seinem Hitpotential, sondern vor allem darin, dass er den von links und rechts kommenden jungen Eliten, die in den Institutionen (Museen, Theater, Institute) und im Feuilleton längst zusammengefunden haben und problemlos zwischen der Affirmation von Jörg Friedrichs Bombenkriegsbuch und der Herausgabe der Klassiker der Comicliteratur osszilieren, eine Möglichkeit gab und gibt, auf zeitgemäße und „anständige“ Weise für Deutschland zu sein.

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Günther Jacob veröffentlichte zuletzt „Die Modernisierung der Identität. Pop als Teil des Gründungsmythos der Berliner Republik“ (in „Pop & Mythos“, Schlingen 2001) sowie „Archäologie des Hipnessverfalls“ (in „Die offene Stadt“, Essen 2003).

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Quellen:

→ http://archiv.konkret-magazin.de/in.php?text=&jahr=2005&mon=11
Konkret 11/2005

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→ http://ildb.nadir.org/q/1/autorin/Jacob,+Günther.html
Nadir-Dataspace

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→ http://www.inforiot.de/15-jahre-superdeutschland/
1. Oktober 2005, 19:00 Uhr,
Fabrik, Potsdam
15 Jahre Superdeutschland. Poplinker Antinationalismus als höchstes Stadium des jungen deutschen Kulturnationalismus. Veranstaltung mit Günther Jacob im Rahmen des Kongresses „Null Gründe zu feiern“ der Antifa Potsdam.

(Auf dem inforiot-Blog findet sich ein Hinweis auf eine Veranstaltung der antinationalen Kulturnationalisten, die am 2. Oktober 2005 in der Berliner Volksbühne den deutschnationalen Sampler „I can`t relax …“ vorstellten. Mit dabei: Tobias Rapp (damals Jungle World/Taz, heute Spiegel), Ulf Poschardt von der Welt und Roger Behrens, einem der Linernotes-Schreiber. Danach spielen – gerade zurück von der Goethe-Institut-Tour durch Estland – Kante).

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→ http://www.prozion.de/events.html
12. Dezember 2005, 19.00 Uhr
Weltbühne, Hamburg (Nobistor 24)
Poplinke vs. Bushido oder: Wie die Comics in die FAZ kamen. Poplinker Antinationalismus als höchstes Stadium des Kulturnationalismus. Vortrag von Günther Jacob und bad weather. Veranstaltet von bad weather mit freundlicher Unterstützung der Hochschulantifa Hamburg.

→ http://de-bug.de/musik/hoch-oder-pop/
debug 7.12.2005
HOCH ODER POP? Diskussion und Vortrag mit Günther Jacob

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→ http://www.fsk-hh.org/sendungen/showallproto/Poplinke+-+Bushido
Dezember 2005
Sendereihe auf FSK Hamburg 93 FM
Poplinke versus Bushido oder: Wie die Comics in die FAZ kamen.
Vortrag Weltbühne von Günther Jacob vom 12. Dezember 2005
Teil 1: Popkultur und Hochkultur
Teil 2: Politische Linke und Pop-Linke
Teil 3: Bushido

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→ https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=I_Can’t_Relax_in_Deutschland&diff=38352723&oldid=37408906

Verweis auf KONKRET auf Wikipedia heimlich gelöscht

2005 wehrten sich die poplinken Kulturnationalisten wütend dagegen, dass die Existenz einer antideutschen Kritik an ihrem Deutschpop-Sampler in dem (von ihnen selbst verfassten) Wikipedia-Eintrag „I Can’t Relax in Deutschland“ überhaupt erwähnt wird. (Siehe die Diskussionsseite zu dem Artikel). Den einen kurzen (und falschen) Satz mit einem Hinweis zu dem obigen Konkret-Artikel , den sie 2005 nicht verhindern konnten, strichen sie 2008 (als es bei 0-2 Abrufen am Tag niemand auffiel) klammheimlich raus:

„I Can’t Relax in Deutschland“ – Wikipedia-Versionsunterschied

Inhaltsverzeichnis bis 2008
1 Zentrale Positionen
2 Mitglieder
3 Kritiker

Kritiker
[…] Eine etwas harschere Kritik kommt vom Autor Günther Jacob, welcher den an der Initiative beteiligten Bands in der Ausgabe 11/2005 des Magazins konkret Kulturtraditionalismus vorwirft. Viele der beteiligten Bands engagierten sich im Rahmen des Goethe-Instituts für die Verbreitung deutscher Kultur.
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Inhaltsverzeichnis nach 2008
1 Zentrale Positionen
2 Mitglieder

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2005 Bundeskulturstiftung + Poplinke

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■ Staats-Pop

Denn so profiliert Diederichsen als Spex-Herausgeber war und als Autor für alle möglichen Zeitungen von Jungle World bis Süddeutsche heute immer noch ist – seine Behauptungen und ästhetischen Richtungsangaben konnten ihre Kraft auch deshalb entfalten, weil er niemals müde wird, sie als Lobbyist hinter den Kulissen durchzusetzen. Er mag nicht der einzige gewesen sein, der

in der Jury saß, die die Bundeskulturstiftung bei der Vergabe ihrer Gelder beriet,

doch es gab Partys linker Kulturschaffender in den letzten Jahren, wo die Zahl derjenigen, die ihre Miete direkt oder indirekt von der Bundeskulturstiftung bezahlt bekamen, locker die Zahl überwog, die sich anderswo ausbeuten.

Umso abstruser natürlich Poschardts Vorwurf, Diederichsen hätte die Verbindung zur Realität verloren. Dies ist Realpolitik. Sie glaubt bloß nicht, dass Deutschland und die Volksbühne sich ausschließen müssten.

Taz, 15.11. 2005, Tobias Rapp (jetzt Spiegel)

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